Do

18

Aug

2011

Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre

Eichstätt im Sommer- Eine Idylle, wenn da nicht diese Medienwerkstatt wäre...
Eichstätt im Sommer- Eine Idylle, wenn da nicht diese Medienwerkstatt wäre...

Dieses alte Motto ist zugegeben, ein wenig ausgelutscht. So wie viele andere altklugen Sprüche, die einem meist von deutlich betagteren Artgenossen vorgehalten werden, wenn es mal wieder um die Arbeit, die Ausbildung oder in unserem Fall, um's Studium geht und unsereiner dann jammert und murrt, dass ja alles viel zu viel sei und überhaupt, wo ist eigentlich diese verdammte Motivation, wenn man sie mal braucht?! Man kennt das ja. Doch irgendwie stimmt der Spruch einfach. Das lässt sich momentan sehr schön daran festmachen, dass alle Welt (jaaa okay, jetzt vielleicht nicht wirklich alle Welt, aber ein großer Teil davon) Ferien hat. Die Schul-Kids haben Sommerferien, genauso die Lehrer, viele erwachsene Arbeitnehmer haben sich ihren Urlaub auf den August gelegt und eigentlich sollten wir uns als Klischee-Studis ja auch schon seit Ende Juli einen faulen Lenz machen können.

 

Aber Pustekuchen! Statt im Freibad oder noch besser am Meer rumzulümmeln, dürfen wir Eichstätter Journalistik-Studenten den August in der Uni verbringen. Warum? Na es ist Medienwerkstatt-Zeit. Diese an sich sinnvolle Institution Medienwerkstatt findet immer jeweils nach dem zweiten Semester im Sommer für den Print-Bereich und dann nach dem dritten Semester im Frühjahr für den Hörfunk- und TV-Bereich in Eichstätt statt. Eigentlich ist das auch ne tolle Sache von Experten in Sachen Reportage, Feature, Kommentar oder Recherche mit Tipps und Basic-Infos gefüttert zu werden. Aber da wir eben auch nur gewöhnliche Studenten sind und es jetzt auch noch mitten im Sommer ist, hapert es mit der Motivation schon ziemlich. 

 

Trotzdem handelt es sich hier natürlich um eine Jammertirade auf hohem Niveau, es gibt sicherlich Schlimmeres, als mit Profis und seinen Lieblingskommilitonen (die diese Schleimerei hier wahrscheinlich knallhart versäumen- Mist ;)) in Gruppenarbeit über journalistische Darstellungsformen zu diskutieren und und sich selbst daran zu versuchen. 

Zum Beispiel, im Sommer Müllmann zu sein (siehe Dhalas Reportage an der Müll-Front in Lübeck) oder in einer Kleinstadt zu leben?! Sowas nervt richtig... (verdammt, letzteres trifft aber auch auf uns zu! Irgendwas läuft hier schief...) Wie gesagt, Lehrjahre sind eben keine... jaja, ihr wisst schon!

 

Daher lass ich es mit dem jammern für heute wieder gut sein, stürze mich in eine weitere Folge Califonication (immer nur zu lernen, macht das Denkvermögen nämlich matschig- is so, echt! ;)) und genieße dabei die 30 Grad auf der Terrasse. Morgen geht's dann in eine neue Runde "Ackern für Anfänger" alias das Nachrichten-Seminar. Oh ich freu mich drauf!

 

Wer bis dahin meine Motivation auftreiben kann, bekommt ein Eis von mir. Versprochen!

 

Tamara

0 Kommentare

Do

18

Aug

2011

Aus graue Maus mach Glamourgirl

Einen Tag lang aus der eigenen Haut schlüpfen, einen anderen Stil tragen, eine andere Haarfarbe und ein schickes Make-up verpasst bekommen - davon träumen viele Mädchen tagtäglich beim Durchblättern von Modemagazinen. Für das login Magazin Stuttgart durften zwei Mädels ihren Traum verwirklichen. Sie wurden von Profis umgestylt und anschließend für das Magazin fotografiert. Keine leichte Sache, da beide zum ersten Mal Models spielten.

 

 

Ein süßlicher Geruch liegt in der Luft. Er ist so intensiv, dass einem fast schwindelig wird. Das viele Haarspray, Haarwachs und der Schaumfestiger haben den ganzen Raum eingenebelt. Überall stehen kleine Gefäße mit Farbresten, Haarklammern oder verschieden großen Bürsten und Kämmen. An der Wand hängt eine großflächige Spiegelfront, die meterweit von links nach rechts reicht. Vor ihr sitzen in schwarzen, drehbaren Lederstühlen zwei junge Mädchen, die ungläubig ihr eigenes Spiegelbild betrachten. Zaghaft fahren sie sich mit den Fingern durch die neu gestylten Haare, beugen sich vor und betrachten ihre geschminkte Augen und Lippen im Spiegel. Noch sind sie etwas unsicher, wie sie ihren neuen Look finden sollen. Anders als vorher ist er auf alle Fälle.

 

Marina Lorenz (19) und Mona Haschke (21) hatten sich vor einigen Wochen für ein Umstyling beim login Magazin beworben und wurden unter über 50 Mitbewerberinnen ausgesucht. Heute heißt es nun für die zwei „Tschüss altes Ich“ und „Hallo neuer Style“. Beide kommen aus dem Großraum Stuttgart und hatten schon oft beim Durchblättern des Magazins daran gedacht, sich irgendwann einmal selbst zu bewerben. Dass es tatsächlich klappt, hat beide überrascht und gleichzeitig sehr gefreut. „Ich lese die login regelmäßig und fand das Umstyling eigentlich immer am spannendsten. Ich hab mich eher spaßeshalber beworben und nicht wirklich damit gerechnet, dass ich genommen werde“, erzählt Mona froh. Die zierliche Blondine hat mit einer Körpergröße von 1,60 m nicht gerade die typische Modelgröße, doch darauf kommt es hier auch nicht an. „Ausgewählt werden diejenigen Mädchen, bei denen man an sich viel Potential für eine Typveränderung sieht“, so Giuseppe Assenso (40), der Besitzer des Friseursalons Assenso, wo das Umstyling und das dazugehörige Foto-Shooting stattfindet.

 

In dem zweigeschössigen, großzügig gestalteten Salon im Stuttgarter Westen beginnt der Tag schon recht früh am morgen. Punkt neun Uhr schließt Jeansy, eine Angestellte von Assenso den Laden auf, keine zehn Minuten später trudeln die beiden Mädchen ein. Sie kannten sich vorher nicht, blicken nervös im Laden umher und beäugen einander neugierig. Marina ist brünett, etwa 1,65 m groß, trägt eine recht unauffällige schwarze Jacke und ein braunes T-Shirt. Ihre Haare sind ein wenig strähnig, ihr rundes Gesicht blickt freundlich, aber fragend zu Giuseppe. Was wird jetzt passieren? Für sie ist der Herbst-Look vorgesehen. Gedeckte, warme Farben, softes, pastellfarbenes Make-Up. Die blonde Marina, die mit ihrer grauen Jeans und dem schwarzen Longsleeve ebenfalls sehr zurückhaltend gekleidet ist, soll hingegen für den Winter-Look geshootet werden. Das bedeutet für sie: kalte Farben, streng gestylte Haare, ein bisschen Pop-Art und 80er soll auch mit rein. Dass gleich zwei Saisons auf einmal produziert werden, ist eher eine Ausnahme. Es erfordert für das gesamte Team, bestehend aus den Friseuren, einer Make-Up Artistin, dem Fotografen Tony und dessen Assistenten Fabio besonders viel Konzentration und Professionalität. „Wir haben einen straffen Zeitplan, bis spätestens um 16, 17 Uhr sollten beide Looks im Kasten sein. Nicht nur dass wir zwei Saisons fotografieren, es gibt ja auch zwei unterschiedliche Looks innerhalb jeder Jahreszeit. Zum einen den Day- und zum anderen den Night-Look. Beides Mal ändert sich dabei die Frisur, das Make-Up und die Kleidung. Ziemlich aufwendig!“, beschreibt Fotograf Tony Baranzato (42) den heutigen Tagesplan.

 

Dann geht es los: Giuseppe bespricht mit den Mädels die Typveränderungen. „Nur ein bisschen Haare schneiden ist heut' nicht drin, das ist euch hoffentlich klar oder?“, fragt er Mona und Marina. Die beiden nicken eifrig, gucken aber erst mal skeptisch auf Giuseppes Hände, die jetzt Marinas Haare umspielen, um abzuteilen, was alles weg soll. „Ich weiß ja, dass man einen deutlichen Unterschied zu vorher erkennen muss, aber ganz kurze Haare wären echt heftig“, gesteht Marina verlegen. Sie kann aufatmen. Giuseppe will bei ihr nur ein bisschen mehr Stufen reinbringen, dafür aber einen kräftigen Rotton färben. Konzentriert wählt sie sich aus der riesigen Farbpalette ihren Lieblingsfarbton aus und den trägt der Meister dann selbst Stück für Stück auf die Haare auf. Mona hingegen soll deutlich blonder werden und während auch sie noch die Farbmöglichkeiten durchgeht, schneidet ihr Jeansy bereits mit flinken, geübten Händen einen kurzen Bob, der knapp unterhalb der Ohren endet.

 

Nachdem beide Mädels ihre neuen Frisuren bekommen haben, geht es ran ans Schminken. Make-Up Artistin Nicole trägt für den Day-Look eher dezente Farben auf. Gekonnt pinselt sie Puder, Rouge, pastellfarbenen Lidschatten und Wimpertusche in Marinas Gesicht, sie wird als erste im Tageslook fotografiert. „Boah, ziemlich cool, muss ich schon sagen!“ Ihr gefällt die Veränderung allmählich. „Man muss sich halt erst mal an das neue Gesicht da im Spiegel gewöhnen, ist ja doch ein Unterschied“ Mit großen Augen betrachtet sie ihr neues Ich. Die rote Haarfarbe glänzt im Licht der Scheinwerfer, die Fabio und Tony jetzt überall zusammen aufbauen. Die eigentliche Hauptaufgabe des heutigen Tages, das Foto-Shooting, steht an. Beide Mädels haben so etwas davor noch nie gemacht. Mona blickt immer wieder unsicher in den Spiegel, mit großen Augen verfolgt sie jetzt, wie Tony zunächst Marina vor seine Kamera bittet. Die nestelt mit ihren Fingern nervös an ihren Hosentaschen. Inmitten einer Garderobe soll sie sich lasziv auf einem weißen Plastikhocker räkeln. Noch etwas ungelenk nimmt sie auf dem Hocker Platz. Tony gibt Anweisungen: „Fass mal mit beiden Händen um die Kleiderstange über deinem Kopf, ja so sieht's gut aus! Den Kopf ein bisschen mehr in meine Richtung, sehr schööön, Bauch anspannen und jetzt harter Blick, hart! Jaaa so, halten und ab geht’s!“ Klick. Klick. Klick. Eine Serie von Schüssen folgt, Tony wirft sich auf den Boden, hält die Kamera mal ganz nahe drauf, mal weiter weg von seinem Motiv. Marina fällt es schwer, die Position lange zu halten. Das schwarze Oberteil verrutscht. Trotzdem gibt sie nicht auf, sie spannt ihren Körper immer wieder an, so wie es Tony verlangt und hält den Blick sekundenlang in die Kamera. „Perfekt! Wir haben es!“ Tony ist zufrieden. „Es ist nie einfach mit Amateuren zu arbeiten, man muss ihnen alles vorgeben und ihre Ausdauer ist auch nicht so groß wie bei Profi-Models, aber am Ende zählt nur, ob man ein gutes Bild dabei hat und das haben wir bei Marina auf jeden Fall geschafft.“ Marina lächelt tapfer und plumpst erleichtert auf einen der schwarzen Lederstühle. Ein bisschen Schweiß steht ihr auf der Stirn. Nicole muss nachher nochmal abpudern für den zweiten Look. Schweiß und Glamour passen nicht zusammen.

 

Monas Frisur ist bereits auf Glamour getrimmt. Streng nach hinten gegelte Haare umranden ihr schmales Gesicht. Nicole schminkt ihr knallrote Lippen, dazu viel schwarzen Eyeliner um die Augen. „Ein echter Vamp-Style, sieht super aus!“, schwärmt Tony. Die teure, braune Lederjacke, die so wie die anderen Kleider alle für den heutigen Tag aus einer Stuttgarter Boutique geliehen wurden, hängt jetzt lässig über Monas Schulter. Verrucht blickt sie in Tonys ausgefahrenes Objektiv. Er fokussiert sie an, dann erneut seine Kommandos: „Gib mir alles! Stell dir vor, ich wär dein Traumtyp, jetzt lechz mal so richtig nach mir, mehr mit deinem Mund spielen, jaaa offen lassen! Und die Augen verengen. Sooooo! Genau, und halten. Suuper!!!“ Nach quälend lang wirkenden Minuten ist auch diese Szene im Kasten. Mona ist fix und alle: „Ich hätte nie gedacht, wie anstrengend es ist, solche Bilder zu schießen. Das Frisieren und Schminken dauert zwar viel länger, aber ist nicht annähernd so anstrengend wie die paar Minuten vor der Kamera. Mir tut alles weh!“

 

Doch für eine Pause ist keine Zeit. Atemlos werden in den nächste Stunden noch die jeweils anderen Looks geschossen. Das gleiche Spiel von vorne, nur dieses mal eben umgekehrt. Mona im Tag-Look und zum Schluss Marina im Glamour-Style. Um halb fünf ist alles vorbei.

 

Nach über sieben Stunden sind etwa zwei Gigabyte Speicherkarte verknipst, etliche Milligram Farbe ins Haar gemischt worden und mehrere Liter Schweiß ausgeflossen. Auch Tony ist geplättet. „Die Produktion läuft circa vier Mal im Jahr, es ist jedes Mal ein Heidenaufwand, aber wenn ich mir so das Ergebnis angucke, dann weiß ich, dass sich der Stress einfach lohnt.“

 

Zusammen mit Tony sehen sich die beiden Hauptdarstellerinnen des Tages ein paar der Bilder auf dem Display seiner Kamera an. Ganz stolz begutachten sie das Ergebnis der vielen Arbeit, das jetzt noch in die Post-Produktion muss. Immer wieder grinsen sich die zwei Mädels an, Mona erhebt zum Spaß die Hand zum Abklatschen, wie bei einem Sporttunier. Geschafft! Bis zur Veröffentlichung dauert es aber noch ein paar Wochen.

 

Das Strahlen der beiden ist der Lohn des ganzen Teams. Und gefallen hat es den beiden trotz des großen Aufwands: „Es war zwar mega anstrengend, ich bin richtig müde, aber es hat sich total gelohnt, ich würd's wieder machen, definitiv!“, resümiert die verschwitzte, aber glücklich strahlende Marina. Tony steckt ihr und Mona nun seine Karte zu und verspricht sich so bald die Bilder fertig bearbeitet sind, bei den zweien zu melden. Bei Rückfragen dürfe man ihn aber jederzeit nerven. Während Giuseppe die Haare am Boden zusammenfegt, Tony mit Fabio das Kamera-Set einpackt und Nicole ihren Make-Up Koffer zuschließt, schminken sich Marina und Mona die Spuren des Tages ab. Zwei Feuchtigkeitstücher reichen am Ende um einen Tag Arbeit fortzuwischen.

 

Von Tamara Güclü

1 Kommentare

Di

16

Aug

2011

Kitesurfen - ein elementarer Freiheitssport

Einmal mitten drin sein und an der Faszination von Wind und Wasser schnuppern, durfte Dhala Rosado.

 

Vielen Dank für den packenden Tag, Malte und auch für das Bereitstellen einiger Bilder aus Situationen, die ich leider nicht miterleben konnte.

0 Kommentare

Mo

15

Aug

2011

Berni und Ert - Sexuelle Früherziehung

„Mama, warum bist du eigentlich kein Papa?“, könnte künftig ein Kind fragen, das die Existenz von Sexualität entdeckt. Woher dieser Impuls? Aus der Sesamstraße. Erni und Bert sollen endlich heiraten, nachdem sie schon so lange das Bett teilen. Ein cleverer Schachzug, denn sexuelle Toleranz ab dem Kindesalter ist keine Überforderung für die kleinen Racker, sondern der Grundstock für eine funktionierende Gesellschaft. Kindliche Unschuld wird ohnehin überbewertet.

Fernseher an und schon rührt Poppey lasziv in seinem Spinattopf, Bibi Blocksberg beglückt ihren Besen und Benjamin Blümchen spielt ungeniert mit seinem Rüssel.

Weiterzappen: Karlsson pult fröhlich an seinem Propeller, Aladin rubbelt an der Lampe, Maja und Willi testen ihre Stachel und der Nussknacker... Naja der geht eben seinem Geschäft nach.

Eine offene Welt fordert auch von ihren Kleinsten Neugier.

Viereckige Augen, wenn Sterntaler ihr Röckchen hebt und Pinocchios Nase wächst sind nur der erste Schritt. Dann folgt die spielerische Offenbarung anderer Neigungen – Bilder und Geschichten als pädagogische wertvolle Lernmethoden: Sei es nun der pädophile böse Wolf mit seinem schüchternen Rotkäppchen oder  der objektophile kleine Prinz, der ein Auge auf sein Röschen geworfen hat – für die sexuelle Früherziehung sind sie ein Muss. Natürlich will unsere künftige Bettelite wissen was Maus und Elefant in der Freizeit treiben und dass Black Beauties die besten Pferde im Stall sind. Des Kaisers neue Kleider sind nur ein Indiz für den ausgelebten Exhibitionismus und schon Hänsel und Gretel wussten um die Vorteile der Geschwisterliebe.

Ein bisschen bi schadet auch Pumuckel nie. Der Rotschopf liefert die beste Orientierungshilfe: vom Zölibat schnuppert er mal kurz an der Homoerotik und seinem blauen Klabauter, um sich dann doch dem weiblichen Geschlecht zuzuwenden. Und ist der Blick einmal geschärft, kann Kind sich auch an Schneewittchen und ihren sieben Zwergen erfreuen.

Das weiße Kleid bei der Erstkommunion trägt sich doch gleich viel besser, wenn man bedenkt, dass der Christopher Street Day ohnehin bald eine Kinderveranstaltung sein wird!

 

Dhala Rosado

0 Kommentare

So

14

Aug

2011

Der Fall Magnus Gäfgen

Ein polemischer Kommentar mit einem Hauch von Boulevard

 

von Dhala Rosado

 

Ein Herz für Schwerverbrecher haben deutsche Gerichte – das ist spätestens seit Magnus Gäfgen klar.


SeinErfolgskonzept: Ermorde ein Kind, erpresse seine Eltern, provoziere deine Verhörer und kassiere 3000 Euro. Einfach  und effektiv!

 

Wen interessiert schon, dass sein 11-jähriges Opfer qualvoll ersticken musste und dann im See entsorgt wurde?

 

Schließlich  leidet sein Mörder jetzt unter Schlafstörungen. Und das nicht weil er ein schlechtes Gewissen hat. Nein. Die Polizei ist schuld!

 

Denn die hat dem armen Gäfgen mit Schlägen gedroht, sollte er nicht das Versteck seines Opfers verraten. Den Tod des kleinen Jakob hatte er da noch nicht einmal verwunden. Taktlose Bande!

 

Er ist hier das Opfer! Er hatte Todesangst auszustehen! Er muss verteidigt und vor den brutalen Beamten geschützt werden. Das sieht auch das Frankfurter Landgericht so und verspricht ihm 3000 Euro Schadensersatz für diese ungeheuerliche Foltermethode.

 

Richtig so, Herr Richter! In Deutschland regiert die Rechtstaatlichkeit. Die Peitsche hat hier nichts verloren. Das Zuckerbrot muss wieder gut Wetter machen.

 

Bald wird es auch einen Killer-Kummerkasten geben. Wie sich das Callcenter am Telefon meldet, wollen Sie wissen? „Deutscher Rechtsstaat, hier werden Sie geholfen!?!“.

 

Ein Herz für Schwerverbrecher haben deutsche Gerichte – das ist spätestens seit Magnus Gäfgen klar.

Sein Erfolgskonzept: Ermorde ein Kind, erpresse seine Eltern, provoziere deine Verhörer und kassiere 3000 Euro. Einfach  und effektiv!

Wen interessiert schon, dass sein 11-jähriges Opfer qualvoll ersticken musste und dann im See entsorgt wurde?

Schließlich leidet sein Mörder jetzt unter Schlafstörungen. Und das nicht weil er ein schlechtes Gewissen hat. Nein. Die Polizei ist schuld!

Denn die hat dem armen Gäfgen mit Schlägen gedroht, sollte er nicht das Versteck seines Opfers verraten. Den Tod des kleinen Jakob hatte er da noch nicht einmal verwunden. Taktlose Bande!

Er ist hier das Opfer! Er hatte Todesangst auszustehen! Er muss verteidigt und vor den brutalen Beamten geschützt werden. Das sieht auch das Frankfurter Landgericht so und verspricht ihm 3000 Euro Schadensersatz für diese ungeheuerliche Foltermethode.

Richtig so, Herr Richter! In Deutschland regiert die Rechtstaatlichkeit. Die Peitsche hat hier nichts verloren. Das Zuckerbrot muss wieder gut Wetter machen.

Bald wird es auch einen Killer-Kummerkasten geben. Wie sich das Callcenter am Telefon meldet, wollen Sie wissen? „Deutscher Rechtsstaat, hier werden Sie geholfen!?!“.

0 Kommentare

Fr

12

Aug

2011

Wir von der Müllabfuhr

Wenn Robert, Dakli, Siggi und Peter auf Tour gehen, dann fliegen die Tonnen - ein Arbeitstag mit den Jungs von der Müllabfuhr als Einblick in den Job, der unser Leben dreckfrei macht.

 

Eine Reportage von Dhala Rosado

 

„Wir sind die sechs von der Müllabfuhr, Müllabfuhr, Müllabfuhr...“ Unentwegt klingt mir dieses alte Lied der Sendung mit der Maus in den Ohren, während ich mich gute eineinhalb Meter über der Straße am Beifahrersitz festkralle. Einhändig laviert Fahrer Robert das orangefarbene Ungetüm rückwärts in eine Sackgasse, die ich nicht einmal mit einem Fiat Punto befahren würde. Ein Blick in die rechten vier Spiegel, ein Blick in die linken vier Spiegel - anhalten, losfahren – mir wird übel. Gestank und Hitze in der Fahrerkabine tun ihr übriges und nicht nur meine Fingerknöchel erbleichen von Sekunde zu Sekunde mehr. Haarscharf eiern wir an einem Mercedes vorbei, steuern zielstrebig auf das nächste Grüppchen brauner Mülltonnen zu. Nach gefühlten zehn Stunden – vermutlich waren es nicht einmal so viele Sekunden – haben wir unser Ziel erreicht und halten ruckartig. Robert grinst mich stolz an. Meine Antwort darauf ähnelt vermutlich mehr dem panischen Giggeln einer zum Tode verurteilten Wahnsinnigen, als warmherziger Anerkennung. Was solls... Unauffällig versuche ich meine Finger aus der Starre zu lösen. Robert kratzt sich derweil die Glatze und rückt seine Brille zurecht. Sein weißes Feinrippunterhemd hat vermutlich schon bessere Zeiten erlebt und auch das gigantische Tribal auf seinem muskulösen rechten Oberarm ist verblasst. Der kleine Bauchansatz liegt gut gepolstert auf einer Gürteltasche. Die grellorange Arbeitshose hat Robert von seiner Frau kürzen lassen. Das sei zwar nicht erlaubt, aber er lasse sich nicht vorschreiben, was er bei der Arbeit für Kleidung tragen solle. Unter der Hose zwei stämmige, wild bewucherte Waden, die in klobigen Stiefeln enden. Farbe? Vielleicht braun...

Robert ist seit 25 Jahren bei dem Lübecker Entsorgungsbetrieb angestellt. Jährlich entsorgen er und seine Kollegen rund 146.000 Tonnen Müll. Seit einigen Jahren ist er fester Fahrer und muss nur noch selten Hand anlegen. „Wenn die da oben dich mögen, haste echt nen Vorteil. Aber wenn mine Jungs viel zu tun ham, pack ich och mit an.“, brummt der Mittfünfziger. Nach über zehn Kündigungen war Robert auf der Suche nach einem sicheren Job gewesen. Er lacht: „Als min erster Tach vorbei war, wollte ich direkt wieder aufhören. Jetzt geh ich gern zur Arbeit.“.

Robert, seine Jungs und ich – wir sind heute Team 2. Das bedeutet wir „kippen Bio“, wie man im Fachjargon sagt. Unsere Aufgabe ist es also, alle braunen Tonnen eines Stadtteils einzusammeln, auszuleeren und den Inhalt dann zur Deponie zu fahren. „Das ist unser Reich.“, sagt Robert und deutet mit seiner Pranke auf einen rot markierten Bereich der Stadtkarte, wie Mufasa, der seinem Sohn Simba in König der Löwen die Savanne präsentiert. Auf einem kleinen Bildschirm über dem Lenkrad beobachten wir Roberts Jungs beim Befüllen des Müllwagens. Die drei Männer zerren die Tonnen vom Straßenrand zur Laderampe, hängen sie ein und drücken auf einen Knopf. Die Maschinerie brummt, hebelt die Tonnen Richtung Öffnung und kippt sie ins Innere. Klatsch. Der Berg auf der Rampe wächst um weitere 10 Kilo. Übel riechende Schwaden wabern in die Fahrerkabine. Mir wird schwindelig. Robert sagt, er nehme den Geruch schon gar nicht mehr wahr und amüsiert sich darüber, dass manche sich die Nase zuhalten, wenn er vorbeifährt. Ich lache gekünstelt und lasse meine Hand wieder sinken, die gerade auf dem Weg zum sicheren Rettungsanker Schal gewesen war. Nase zu und durch... Robert hupt einmal und fährt los. Ein Mal hupen bedeutet „Kipper hoch“, zwei Mal hupen bedeutet „Kipper hoch, ich fahre rückwärts“, erklärt er mir. Ich nicke und versuche mich zu konzentrieren.

Das System ist einfach, aber effektiv. Morgens um sechs Uhr beginnt für die Lübecker Müllmänner der Arbeitstag. Während die Fahrer ihre Wagen präparieren, fahren ihre Teamkollegen mit Kleinbussen in die jeweiligen Reviere. Man nennt sie „Herausholer“, denn sie gehen in die Gärten der Anwohner und stellen die Tonnen abholbereit an den Straßenrand. Wenn ihr Fahrer mit dem Wagen eintrifft kann es zügig losgehen. Aus „Herausholern“ werden jetzt „Kipper“.

Wie Fliegen sehe ich unsre Kipper hinten an der Rampe kleben, während wir in die nächste Straße düsen. Robert erzählt mir von früher und dass damals alles besser gewesen sei. Damals, als Teams noch „Kolonnen“ hießen und aus sechs statt 3,5 Personen bestanden.  Als ein Arbeitstag um 11 Uhr zu Ende sein konnte und man als Fahrer einfach den Wagen bedienen können musste, statt an Blockunterricht und Fahrstunden teilnehmen zu müssen. Aber irgendwann seien die da oben auf die Idee gekommen alles umzustrukturieren und jeden Arbeitsschritt ihrer Angestellten zu überwachen. Er deutet auf ein Mikrofon über seinem Kopf. „Die hörn uns ab. Der Chef will wissen, was man über ihn redet. Aber alles was ich hier sach, würd ich ihm och ins Gesicht sagen, ne.“

Wir sind jetzt schon einige Stunden unterwegs. Mir ist inzwischen alles egal, solange ich nicht vom Sitz kippe. Plötzlich klopft es an meiner Tür. Einer der Jungs hat in der Kastanienallee 3 eine kaputte Tonne entdeckt. Ich mache eine Notiz ins Logbuch und schon geht die Reise weiter.

Solche Sachschäden sind nichts ungewöhnliches, sagt Robert. Manchmal würde monatelang nichts passieren, dann stünde das Team unter einem schlechten Stern und es würden reihenweise Missgeschicke geschehen. „Einmal hab ichn schönen alten Wagen beim Rückwärtsfahren am Bordstein zerquetscht. Der war natürlich hinüber. Totalschaden. Hab ihn einfach nich jesehn. Der Besitzer hat vielleicht noch 2000 Mark bekomm, also nix, obwohl der noch eins A jefahren is! Dat tat mir echt leid.“

Mit einem Mal fängt er an zu fluchen: „Meeensch Jung, ich hab dir doch gesacht, dat ist nicht jut!“ Er deutet auf meinen Rückspiegel. Ich sehe einen der Jungs in rasantem Tempo vier Mülltonnen auf einmal auf den Wagen zuzerren. Schwungvoll lädt er ab und hat schon die nächsten vier in der Hand, wie eine vollbusige Bedienung auf dem Oktoberfest, die ihre 15 Maß stemmt. „Zwei reichen doch och, der macht sich noch kaputt, der Kerl.“, grummelt Robert.

„Der Kerl“, das ist „Dackli“, ein fast zwei Meter großer Türke. Er ist noch nicht lange dabei, hat aber schon einiges gestemmt. „Als der voner Zeitarbeitsfirma kam, hat er bestimmt 125 Kilo jewogen.“, erinnert sich Robert. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieser drahtige Mann einmal das Doppelte an Gewicht mit sich herumgetragen haben soll. Aber im Gegensatz zu vielen anderen, habe man bei ihm sofort den Arbeitswillen gesehen. Mit jedem Tag habe er mehr Gewicht verloren. Sein Zeitvertrag ist inzwischen bis 2015 verlängert worden. „Wir haben uns alle jefreut, obwohl er n Türke is.“, sagt Robert und lacht.

Bei diesem Beruf ein solches Gewicht zu halten, scheint mir nahezu unmöglich. Die Männer laufen am Tag ihre 15 bis 25 Kilometer und stemmen unzählige Mülltonnen, von denen die kleinste 15 Liter fasst. Nicht selten klagt einer über Rückenprobleme oder Schulterschmerzen.

Inzwischen hat es angefangen zu nieseln. Trotz Gestank bin ich froh, in der stickigen Kabine zu sitzen.

„Wir voner Müllabfuhr, fahren jeden Tach raus.“, sagt Robert, nicht ohne Stolz. Erst einmal habe er erlebt, dass morgens beschlossen wurde, den Betrieb einzustellen. Aber da seien die Straßen auch von permanentem Eisregen spiegelglatt gewesen.

Ein schrilles Klingeln reißt ihn aus seinen Gedanken. Kollege Siggi hüpft etwa 30 Meter hinter uns neben einer Tonne auf und ab und fuchtelt mit den Armen. „Oh, da habe ich wohl eine vergessen.“, sagt Robert und grinst beschämt. Durch die halb geöffnete Fensterscheibe und den brummenden Motor, höre ich Siggi pöbeln: „... kann der sich gar nicht mehr konzentrieren, nur weil ne Frau dabei ist...“ Robert bleibt gelassen: „Kein Stress, min Jung und das „Nur“, das streichen wir aber janz schnell wieder!“ Er setzt zurück. Jetzt darf ich auch mal Hand anlegen. Robert gibt mir ein Paar Handschuhe. Als ich sie anziehen will fährt er mich an: „Handschuhe werden erst draußen anjezogen. Da bin ich pingelich. Ich sach immer: das hier is schließlich n Wohnzimmer und kein Müllwagen.“ Etwas irritiert mustere ich die Dreckklumpen zwischen den Pedalen und die leeren Colaflaschen auf dem Armaturenbrett, halte die speckigen Handschuhe dann aber gerne einige Zentimeter über meinem Schoß in der Luft.

Schwungvoll will ich aus der Kabine springen, muss dann aber feststellen, wie hoch ich über der Erde bin, entscheide mich für die Variante unsportliche Couchpotatoe und rutsche am Türgriff nach unten. Jetzt die Handschuhe an – Moment - will ich da wirklich meine Finger reinstecken? Ich kneife die Augen zusammen und rutsche langsam in die schmierigen Boote. Unter meinen Fingernägeln spüre ich die ersten Krümel – jetzt wird der Ekel also auch noch greifbar. Ungelenk versuche ich den Griff der erstbesten Tonne zu erwischen, stelle mich auf gute 30 Kilo ein, zerre schwungvoll an meinem braunen Endgegner, um dann strauchelnd festzustellen – Mist, die war schon leer. Die Männer lachen, ich angle nach der nächsten Tonne. Test, oh ja, die ist noch voll. Möglichst souverän hieve ich sie zur Kippeinrichtung, hake sie ein und drücke auf den Knopf. Es quietscht und knarrt. Ruckelnd bewegt sich die Tonne nach oben, wird gekippt und aus nächster Nähe höre ich jetzt das „Platsch“. Der Kontrollblick unter den Deckel zeigt: da hängen noch einige Reste drin. Also nochmal nach oben mit der Fuhre und rhythmisch auf das Knöpfchen drücken – unter Rütteln und Schüttel lösen sich auch noch die letzten Obstschalen vom Boden der Tonne und ich habe mein Soll erfüllt. Inzwischen bezweifle ich, den Geruch jemals wieder loszuwerden, ganz zu schweigen von dem sicheren Muskelkater. Ganz Gentleman hält mir Robert die Tür zu seinem Müllwagen auf und ich kraxel erleichtert auf meinen Sitzplatz. Der Tritt scheint mir inzwischen schon viel erreichbarer zu sein. Der Eindruck täuscht nicht. „Ich erkenne nicht nur am Fahren, wie voll der Wagen ist. Mit jeder Ladung wird das ganze Gefährt tiefer gelegt.“, erklärt mir sein Fahrer.

Wir haben es jetzt fürs erste geschafft. Die Bio-Fuhre ist mit etwa neun Tonnen zum Bersten voll. Nun steigen auch die Jungs, Dakli, Siggi und Peter ein. In Sekundenschnelle sind die Scheiben beschlagen und mir bleibt vollends die Luft weg. Das Team reißt raue Witze, die Stimmung ist ausgelassen – jetzt ist Frühstückspause. „Wenn ich gewusst hätte, dass uns so eine schöne Frau besucht, dann hätte ich mich rasiert!“, poltert Peter aus der Reihe hinter mir und fährt sich mit den Fingern durch den Bart. Unter seinen Nägel tiefschwarze Ränder – ob er die dann wohl auch entfernt hätte? Ich kann nur noch müde lächeln und hoffe endlich ins Ziel zu kommen. Auf dem Weg  begegnet uns ein anderer Müllwagen auf der Straße. Robert grüßt. Wenige Sekunden später klingelt sein Handy. Das andere Team will wissen, wer denn die junge Begleitung neben ihm sei. Anzüglich grinsend sagt Robert: „Dat erzähl ich dir mal in ner ruhigen Minute!“ und legt auf. Brüllendes Gelächter erschüttert das Fahrerhäuschen.

Nachdem wie die „Kipper“ in der Hauptstation ausgeladen haben, fahren Robert und ich weiter zur Deponie. Etwas außerhalb von Lübeck wird der ganze Unrat gesammelt und, soweit möglich, umgewandelt. Die Stadt Lübeck hat eine moderne Anlage installiert, die den Müll maschinell sortiert, komprimiert und zersetzt. Menschen arbeiten hier fast keine.

Rückwärts fahren wir in eine Halle. Bis unter die Decke stapeln sich hier Essensreste, Gartenabfälle und Plastiktüten. Ich halte die Luft an. Robert drückt auf einige Knöpfe und der hintere Teil des Wagens öffnet sich wie eine riesige Baggerschaufel. Die ersten undefinierbaren Klumpen fallen zu Boden, als eine blonde Frau hysterisch auf uns zugerannt kommt. Wir haben falsch abgeladen. Der Bioabfall gehört nicht auf den Restmüllhaufen. „Is doch eh alles Müll.“, grunzt Robert, setzt aber noch einmal zurück und kippt den Rest der neun Tonnen auf den braunen, stinkenden Haufen daneben. Beim Austeigen wackeln meine Knie. Beißende Dämpfe kitzeln mir in Nase und Kehle. Am liebsten würde ich mich auch auf den Haufen entleeren.

 

 

„Wir sind die sechs von der Müllabfuhr, Müllabfuhr, Müllabfuhr...“ Unentwegt klingt mir dieses alte Lied der Sendung mit der Maus in den Ohren, während ich mich gute eineinhalb Meter über der Straße am Beifahrersitz festkralle. Einhändig laviert Fahrer Robert das orangefarbene Ungetüm rückwärts in eine Sackgasse, die ich nicht einmal mit einem Fiat Punto befahren würde. Ein Blick in die rechten vier Spiegel, ein Blick in die linken vier Spiegel - anhalten, losfahren – mir wird übel. Gestank und Hitze in der Fahrerkabine tun ihr übriges und nicht nur meine Fingerknöchel erbleichen von Sekunde zu Sekunde mehr. Haarscharf eiern wir an einem Mercedes vorbei, steuern zielstrebig auf das nächste Grüppchen brauner Mülltonnen zu. Nach gefühlten zehn Stunden – vermutlich waren es nicht einmal so viele Sekunden – haben wir unser Ziel erreicht und halten ruckartig. Robert grinst mich stolz an. Meine Antwort darauf ähnelt vermutlich mehr dem panischen Giggeln einer zum Tode verurteilten Wahnsinnigen, als warmherziger Anerkennung. Was solls... Unauffällig versuche ich meine Finger aus der Starre zu lösen. Robert kratzt sich derweil die Glatze und rückt seine Brille zurecht. Sein weißes Feinrippunterhemd hat vermutlich schon bessere Zeiten erlebt und auch das gigantische Tribal auf seinem muskulösen rechten Oberarm ist verblasst. Der kleine Bauchansatz liegt gut gepolstert auf einer Gürteltasche. Die grellorange Arbeitshose hat Robert von seiner Frau kürzen lassen. Das sei zwar nicht erlaubt, aber er lasse sich nicht vorschreiben, was er bei der Arbeit für Kleidung tragen solle. Unter der Hose zwei stämmige, wild bewucherte Waden, die in klobigen Stiefeln enden. Farbe? Vielleicht braun...

Robert ist seit 25 Jahren bei dem Lübecker Entsorgungsbetrieb angestellt. Jährlich entsorgen er und seine Kollegen rund 146.000 Tonnen Müll. Seit einigen Jahren ist er fester Fahrer und muss nur noch selten Hand anlegen. „Wenn die da oben dich mögen, haste echt nen Vorteil. Aber wenn mine Jungs viel zu tun ham, pack ich och mit an.“, brummt der Mittfünfziger. Nach über zehn Kündigungen war Robert auf der Suche nach einem sicheren Job gewesen. Er lacht: „Als min erster Tach vorbei war, wollte ich direkt wieder aufhören. Jetzt geh ich gern zur Arbeit.“.

Robert, seine Jungs und ich – wir sind heute Team 2. Das bedeutet wir „kippen Bio“, wie man im Fachjargon sagt. Unsere Aufgabe ist es also, alle braunen Tonnen eines Stadtteils einzusammeln, auszuleeren und den Inhalt dann zur Deponie zu fahren. „Das ist unser Reich.“, sagt Robert und deutet mit seiner Pranke auf einen rot markierten Bereich der Stadtkarte, wie Mufasa, der seinem Sohn Simba in König der Löwen die Savanne präsentiert. Auf einem kleinen Bildschirm über dem Lenkrad beobachten wir Roberts Jungs beim Befüllen des Müllwagens. Die drei Männer zerren die Tonnen vom Straßenrand zur Laderampe, hängen sie ein und drücken auf einen Knopf. Die Maschinerie brummt, hebelt die Tonnen Richtung Öffnung und kippt sie ins Innere. Klatsch. Der Berg auf der Rampe wächst um weitere 10 Kilo. Übel riechende Schwaden wabern in die Fahrerkabine. Mir wird schwindelig. Robert sagt, er nehme den Geruch schon gar nicht mehr wahr und amüsiert sich darüber, dass manche sich die Nase zuhalten, wenn er vorbeifährt. Ich lache gekünstelt und lasse meine Hand wieder sinken, die gerade auf dem Weg zum sicheren Rettungsanker Schal gewesen war. Nase zu und durch... Robert hupt einmal und fährt los. Ein Mal hupen bedeutet „Kipper hoch“, zwei Mal hupen bedeutet „Kipper hoch, ich fahre rückwärts“, erklärt er mir. Ich nicke und versuche mich zu konzentrieren.

Das System ist einfach, aber effektiv. Morgens um sechs Uhr beginnt für die Lübecker Müllmänner der Arbeitstag. Während die Fahrer ihre Wagen präparieren, fahren ihre Teamkollegen mit Kleinbussen in die jeweiligen Reviere. Man nennt sie „Herausholer“, denn sie gehen in die Gärten der Anwohner und stellen die Tonnen abholbereit an den Straßenrand. Wenn ihr Fahrer mit dem Wagen eintrifft kann es zügig losgehen. Aus „Herausholern“ werden jetzt „Kipper“.

Wie Fliegen sehe ich unsre Kipper hinten an der Rampe kleben, während wir in die nächste Straße düsen. Robert erzählt mir von früher und dass damals alles besser gewesen sei. Damals, als Teams noch „Kolonnen“ hießen und aus sechs statt 3,5 Personen bestanden.  Als ein Arbeitstag um 11 Uhr zu Ende sein konnte und man als Fahrer einfach den Wagen bedienen können musste, statt an Blockunterricht und Fahrstunden teilnehmen zu müssen. Aber irgendwann seien die da oben auf die Idee gekommen alles umzustrukturieren und jeden Arbeitsschritt ihrer Angestellten zu überwachen. Er deutet auf ein Mikrofon über seinem Kopf. „Die hörn uns ab. Der Chef will wissen, was man über ihn redet. Aber alles was ich hier sach, würd ich ihm och ins Gesicht sagen, ne.“

Wir sind jetzt schon einige Stunden unterwegs. Mir ist inzwischen alles egal, solange ich nicht vom Sitz kippe. Plötzlich klopft es an meiner Tür. Einer der Jungs hat in der Kastanienallee 3 eine kaputte Tonne entdeckt. Ich mache eine Notiz ins Logbuch und schon geht die Reise weiter.

Solche Sachschäden sind nichts ungewöhnliches, sagt Robert. Manchmal würde monatelang nichts passieren, dann stünde das Team unter einem schlechten Stern und es würden reihenweise Missgeschicke geschehen. „Einmal hab ichn schönen alten Wagen beim Rückwärtsfahren am Bordstein zerquetscht. Der war natürlich hinüber. Totalschaden. Hab ihn einfach nich jesehn. Der Besitzer hat vielleicht noch 2000 Mark bekomm, also nix, obwohl der noch eins A jefahren is! Dat tat mir echt leid.“

Mit einem Mal fängt er an zu fluchen: „Meeensch Jung, ich hab dir doch gesacht, dat ist nicht jut!“ Er deutet auf meinen Rückspiegel. Ich sehe einen der Jungs in rasantem Tempo vier Mülltonnen auf einmal auf den Wagen zuzerren. Schwungvoll lädt er ab und hat schon die nächsten vier in der Hand, wie eine vollbusige Bedienung auf dem Oktoberfest, die ihre 15 Maß stemmt. „Zwei reichen doch och, der macht sich noch kaputt, der Kerl.“, grummelt Robert.

„Der Kerl“, das ist „Dackli“, ein fast zwei Meter großer Türke. Er ist noch nicht lange dabei, hat aber schon einiges gestemmt. „Als der voner Zeitarbeitsfirma kam, hat er bestimmt 125 Kilo jewogen.“, erinnert sich Robert. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieser drahtige Mann einmal das Doppelte an Gewicht mit sich herumgetragen haben soll. Aber im Gegensatz zu vielen anderen, habe man bei ihm sofort den Arbeitswillen gesehen. Mit jedem Tag habe er mehr Gewicht verloren. Sein Zeitvertrag ist inzwischen bis 2015 verlängert worden. „Wir haben uns alle jefreut, obwohl er n Türke is.“, sagt Robert und lacht.

Bei diesem Beruf ein solches Gewicht zu halten, scheint mir nahezu unmöglich. Die Männer laufen am Tag ihre 15 bis 25 Kilometer und stemmen unzählige Mülltonnen, von denen die kleinste 15 Liter fasst. Nicht selten klagt einer über Rückenprobleme oder Schulterschmerzen.

Inzwischen hat es angefangen zu nieseln. Trotz Gestank bin ich froh, in der stickigen Kabine zu sitzen.

„Wir voner Müllabfuhr, fahren jeden Tach raus.“, sagt Robert, nicht ohne Stolz. Erst einmal habe er erlebt, dass morgens beschlossen wurde, den Betrieb einzustellen. Aber da seien die Straßen auch von permanentem Eisregen spiegelglatt gewesen.

Ein schrilles Klingeln reißt ihn aus seinen Gedanken. Kollege Siggi hüpft etwa 30 Meter hinter uns neben einer Tonne auf und ab und fuchtelt mit den Armen. „Oh, da habe ich wohl eine vergessen.“, sagt Robert und grinst beschämt. Durch die halb geöffnete Fensterscheibe und den brummenden Motor, höre ich Siggi pöbeln: „... kann der sich gar nicht mehr konzentrieren, nur weil ne Frau dabei ist...“ Robert bleibt gelassen: „Kein Stress, min Jung und das „Nur“, das streichen wir aber janz schnell wieder!“ Er setzt zurück. Jetzt darf ich auch mal Hand anlegen. Robert gibt mir ein Paar Handschuhe. Als ich sie anziehen will fährt er mich an: „Handschuhe werden erst draußen anjezogen. Da bin ich pingelich. Ich sach immer: das hier is schließlich n Wohnzimmer und kein Müllwagen.“ Etwas irritiert mustere ich die Dreckklumpen zwischen den Pedalen und die leeren Colaflaschen auf dem Armaturenbrett, halte die speckigen Handschuhe dann aber gerne einige Zentimeter über meinem Schoß in der Luft.

Schwungvoll will ich aus der Kabine springen, muss dann aber feststellen, wie hoch ich über der Erde bin, entscheide mich für die Variante unsportliche Couchpotatoe und rutsche am Türgriff nach unten. Jetzt die Handschuhe an – Moment - will ich da wirklich meine Finger reinstecken? Ich kneife die Augen zusammen und rutsche langsam in die schmierigen Boote. Unter meinen Fingernägeln spüre ich die ersten Krümel – jetzt wird der Ekel also auch noch greifbar. Ungelenk versuche ich den Griff der erstbesten Tonne zu erwischen, stelle mich auf gute 30 Kilo ein, zerre schwungvoll an meinem braunen Endgegner, um dann strauchelnd festzustellen – Mist, die war schon leer. Die Männer lachen, ich angle nach der nächsten Tonne. Test, oh ja, die ist noch voll. Möglichst souverän hieve ich sie zur Kippeinrichtung, hake sie ein und drücke auf den Knopf. Es quietscht und knarrt. Ruckelnd bewegt sich die Tonne nach oben, wird gekippt und aus nächster Nähe höre ich jetzt das „Platsch“. Der Kontrollblick unter den Deckel zeigt: da hängen noch einige Reste drin. Also nochmal nach oben mit der Fuhre und rhythmisch auf das Knöpfchen drücken – unter Rütteln und Schüttel lösen sich auch noch die letzten Obstschalen vom Boden der Tonne und ich habe mein Soll erfüllt. Inzwischen bezweifle ich, den Geruch jemals wieder loszuwerden, ganz zu schweigen von dem sicheren Muskelkater. Ganz Gentleman hält mir Robert die Tür zu seinem Müllwagen auf und ich kraxel erleichtert auf meinen Sitzplatz. Der Tritt scheint mir inzwischen schon viel erreichbarer zu sein. Der Eindruck täuscht nicht. „Ich erkenne nicht nur am Fahren, wie voll der Wagen ist. Mit jeder Ladung wird das ganze Gefährt tiefer gelegt.“, erklärt mir sein Fahrer.

Wir haben es jetzt fürs erste geschafft. Die Bio-Fuhre ist mit etwa neun Tonnen zum Bersten voll. Nun steigen auch die Jungs, Dakli, Siggi und Peter ein. In Sekundenschnelle sind die Scheiben beschlagen und mir bleibt vollends die Luft weg. Das Team reißt raue Witze, die Stimmung ist ausgelassen – jetzt ist Frühstückspause. „Wenn ich gewusst hätte, dass uns so eine schöne Frau besucht, dann hätte ich mich rasiert!“, poltert Peter aus der Reihe hinter mir und fährt sich mit den Fingern durch den Bart. Unter seinen Nägel tiefschwarze Ränder – ob er die dann wohl auch entfernt hätte? Ich kann nur noch müde lächeln und hoffe endlich ins Ziel zu kommen. Auf dem Weg  begegnet uns ein anderer Müllwagen auf der Straße. Robert grüßt. Wenige Sekunden später klingelt sein Handy. Das andere Team will wissen, wer denn die junge Begleitung neben ihm sei. Anzüglich grinsend sagt Robert: „Dat erzähl ich dir mal in ner ruhigen Minute!“ und legt auf. Brüllendes Gelächter erschüttert das Fahrerhäuschen.

Nachdem wie die „Kipper“ in der Hauptstation ausgeladen haben, fahren Robert und ich weiter zur Deponie. Etwas außerhalb von Lübeck wird der ganze Unrat gesammelt und, soweit möglich, umgewandelt. Die Stadt Lübeck hat eine moderne Anlage installiert, die den Müll maschinell sortiert, komprimiert und zersetzt. Menschen arbeiten hier fast keine.

Rückwärts fahren wir in eine Halle. Bis unter die Decke stapeln sich hier Essensreste, Gartenabfälle und Plastiktüten. Ich halte die Luft an. Robert drückt auf einige Knöpfe und der hintere Teil des Wagens öffnet sich wie eine riesige Baggerschaufel. Die ersten undefinierbaren Klumpen fallen zu Boden, als eine blonde Frau hysterisch auf uns zugerannt kommt. Wir haben falsch abgeladen. Der Bioabfall gehört nicht auf den Restmüllhaufen. „Is doch eh alles Müll.“, grunzt Robert, setzt aber noch einmal zurück und kippt den Rest der neun Tonnen auf den braunen, stinkenden Haufen daneben. Beim Austeigen wackeln meine Knie. Beißende Dämpfe kitzeln mir in Nase und Kehle. Am liebsten würde ich mich auch auf den Haufen entleeren.

Wir von der Müllabfuhr.pdf
Adobe Acrobat Dokument 309.1 KB
0 Kommentare

So

31

Jul

2011

PräsiCup: FrischAufBurgkrone vs. Froschschenkel

Fotos vom Fussballturnier "PräsiCup" der KU-Eichstätt-Ingolstadt. Mehr Informationen gibts bei den Kollegen von präsicup.de

 

Das obige Spiel - FrischAufBurgkrone gegen die Froschschenkel -  ging übrigens 4:2 für Frischauf aus. Spielbericht ebenfalls hier.

0 Kommentare

So

31

Jul

2011

Kleinkünstler-Explosion

Zwei Tage habe ich den Comedian Michael Krebs aus Hamburg begleitet und seinen Auftritt im Orpheus Theater in Flensburg dokumentiert - von der Lichtprobe bis zum finalen Applaus.

 

0 Kommentare

So

31

Jul

2011

Jagen auf dänisch

Einer Einladung folgend durfte ich dänische Jäger aus dem beschaulichen Dorf Uge in Dänemark bei der Jagd beobachten.

 

0 Kommentare

So

31

Jul

2011

Diplomverleihung in Eichstätt

28.07.2011 Auf Eichstätt gesetzt
28.07.2011 Auf Eichstätt gesetzt

Das Abschlussfoto des Diplom Studiengangs Journalistik an der KU-Eichstätt vom Donnerstag

0 Kommentare

So

31

Jul

2011

Eine - durchaus zynische - Medienkritik

Oh Graus, oh Graus! Ein Terroranschlag in Norwegen! Wie sollen wir als integrer Pressevertreter darauf nur reagieren?

Keine Panik! Mit diesen neun einfachen Tipps kommt jedes Medienunternehmen durch jede Anschlagswelle. Ihr Better-Life GmbH:

 

1. Besorgen sie sich einen Terror-Experten. Sie haben keinen? Na klar haben sie einen. Stellen sie irgendwen hin der schon mal die Worte: Nahost Al Quaida und Bomben gehört hat. Ja genau, egal wen.

 

2. Geben sie Sätze ab wie: „Man muss die Ermittlungen abwarten.“ Danach können sie hemmungslos spekulieren .

 

3. Falls sie wirklich gar nichts wissen, kein Problem dafür gibt es schließlich den Terror-Experten (siehe Tipp 1). Der kann so etwas von sich geben: „Dass die Explosion offenbar im Regierungsviertel stattfand, ist ein starker Hinweis darauf, dass es sich um einen Terroranschlag handeln könnte.” Brynjar Lia, einer der führenden norwegischen Terrorismusexperten, laut SPIEGEL ONLINE

 

 

4. Keine Schuldigen in Sicht? Wirklich nicht? Hmmm, Al Quaida! Im Zweifelsfall waren es immer die Turbanträger aus dem Morgenland. Hat 1995 in Oklahoma auch geklappt. Oder wie war das mit Timothy Veigh. Ein Rechter sagen sie? Daran erinnert sich doch keine Sau mehr!

 

5. Jubilierende Muslime zeigen! Sehen sie, die feiern das sogar! Es ist auch nicht so wichtig, dass die Bilder von einer Hochzeitsfeier von vor drei Tagen sind. Das hat bei 9/11 geklappt, das wir auch bei ihnen passen. Ansonsten suchen sie im Internet! Da gibt es immer ein Wirrköpfe.

 

 

6. Die anderen Pressevertreter schreiben ebenfalls „Al Quaida“ wars. Na super geht doch! Wenn sie es noch nicht gemacht haben, nachziehen! Wird schon stimmen wenn es alle sagen.

 

7. Am Besten sie schreiben schon mal einen bitterbösen Kommentar über die viel zu liberal-naiven Norweger. Raus damit, so schnell wie möglich! Wenn sich doch jemand anders als Täter rausstellt… kein Problem. Einfach den Artikel löschen, im Internet merkt das niemand. Echt jetzt.

 

 

8. Ok, kein islamistischer Terroranschlag. Auch kein Beinbruch. Wir schwenken auf schwülstig fiese Kinotrailer vor den Nachrichtensender um. Orientieren sie sich dabei bloss nicht an den drögen, norwegischen Medien, die haben keine Ahnung. CNN machts vor: „NORWAY ATTACKS“.

 

So einfach kanns gehen.

 

 

0 Kommentare

So

31

Jul

2011

Unterwegs im Netz [part1]

 Eine Runde Links, vorwiegend zum Thema Medienkritik.

 

Positives:

"Keine Plattform für kranke Ansichten"

„Norwegens Medien haben besonnen über die Anschläge berichtet. Nun wird diskutiert, wie viel Raum künftig der üppigen Eigen-PR von Behring Breivik gegeben werden soll. VON REINHARD WOLFF“

 

• Nicht unbedingt schön, aber gut – und vor allem ehrlich von der Tagesschau – über die Pressegewohnheiten der Gaddafi-Getreuen zu berichten. „Bericht aus einem Goldenen Käfig“

 

Negatives:

• So arbeiten also einige Journalisten, schöne alte Welt. „Aus der Nachrichtenagentur: die unanständige Methode eines dpa Journalisten“

 

• Witzige Beispiele, die zeigen warum Netzauftritte einiger (US-?) Zeitungen noch suboptimal sind: "The Brads - This is Why Your Newspaper is Dying"

 

• Boulevard gibt’s auch in Österreich, ein Bericht im Wallraff-Style: „So funktioniert Boulevard: eine Story wie ein Geständnis. Journalisten erklären, wie es bei Österreichs Boulevardzeitungen wirklich zugeht“

 

• Ein SPIEGEL-Leser gibt sein Abo zurück. Here is why

 

• Zur Rolle des Journalisten und dem Wandel der Medienwelt: „Ein guter Journalist – Was ist das?“

 

0 Kommentare

So

31

Jul

2011

Spiegelglatt

Für die perfekte Szene die Realität verändern? Qualität und Glaubwürdigkeit müssen journalistische Standards bleiben.

In einer Reportage schwappt dem nervösen Protagonisten Kaffee über den Tassenrand und im traurigsten Moment prasselt Regen gegen die Scheibe. Der Leser stellt die berechtigte Frage: erlebt oder erfunden? Letzteres widerspricht dem journalistischen Ethos, die Realität wirklichkeitsgetreu abzubilden. Oft muss ein Reporter aber auf Erlebnisse anderer zurückgreifen. Kein Problem, solange er seine Quellen kennzeichnet.

Dass diese Regel ein Hindernis darstellen kann, zeigt die erste Aberkennung der höchsten deutschen Journalistenauszeichnung. Der Spiegel-Redakteur René Pfister musste seinen Egon-Erwin-Kisch-Preis („Beste Reportage 2010“) im Mai 2011 wieder zurückgeben. Er hatte als Einstieg in sein politisches Portrait „Am Stellpult“ eine fiktive Szene aus dem Ferienhaus des CSU-Ministerpräsidenten Horst Seehofer gewählt. Diese szenische Rekonstruktion wurde von den Juroren mehrheitlich als preisunwürdig empfunden.

In der Medienwelt entbrannte die Diskussion um die Frage: Was darf ein Journalist?

Ein kleiner Hinweis im Text hätte die Einstiegsszene nicht zerstört, sondern klargemacht, dass Pfister nicht dabei war. Die mangelnde Kennzeichnung aber zeigt, dass hier die Beobachtung dem Effekt untergeordnet wird. Der Autor belügt nicht nur seine Leser, sondern auch sich selbst. Von Selbstkritik aber keine Spur.

Darf ein Reporter die Wirklichkeit verbiegen, bis sie in seine Geschichte passt? Nein, sagen Jury und Kritiker. Sie verweisen auf die Glaubwürdigkeit als höchstes Gut des Journalismus. Die Verteidigung, es sei lediglich ein Einstieg gewesen, entbehrt jeder Grundlage, denn auf ihm beruht das gesamte Portrait. Die Eingangsszene hebt den Text auf eine höhere Ebene, indem der Autor von Seehofers Privatleben in besagtem Ferienhaus auf dessen politisches Handeln schließt. Hat er ihn dort aber nie privat erlebt, wie kann er dann so weitreichende Vermutungen anstellen?

Ein Reporter soll die komplexe Welt nicht in verworrene Texte packen. Es ist vielmehr seine Aufgabe, für den Leser zu erleben, ihn mit Worten aufzurütteln, zu erklären und zu interpretieren. Dabei darf er einen Bildausschnitt wählen, die Realität verengen und als Handwerker sein Material arrangieren. Er darf sich aber nicht wie ein Künstler über die Wirklichkeit hinwegsetzen. Das Ziel eines guten Journalisten, sollte es nicht sein, am eigenen Text zu schleifen, bis die letzte Unebenheit verschwunden ist. Er darf nicht spiegelglatt sein.

0 Kommentare

So

31

Jul

2011

PräsiCup: PornoJournos vs. WFi

Fotos vom Fussballturnier "PräsiCup" der KU-Eichstätt-Ingolstadt. Mehr Informationen gibts bei den Kollegen von präsicup.de

 

Die Porno Journos musste sich leider mit einem 6:0 geschlagen geben, damit war der Weg für die Ingolstätter WFI ins Finale frei. Spielberichte hier.

0 Kommentare

So

31

Jul

2011

Vielschichtigkeit im Industriehafen

 

Güter wurden im Hamburger Seehafen bis vor ungefähr dreißig Jahren hauptsächlich mit Lastkränen aus den Zügen gehievt, heute dagegen wird der überwiegende Teil in Containern per LKW zu den Schiffen transportiert.

 

Bevor die Schiffe befrachtet werden wartet ein Teil der Waren allerdings in Umschlagplätzen auf die Weiterverteilung bis zum anderen Ende der Welt.

 

Die früher schwere körperliche Arbeit wird dabei durch Maschinen wie den rasenden Gabelstaplern und Containerhebern enorm erleichtert. Doch ein Problem bleibt jedoch bis heute bestehen; es kommt vor das einige Pakete in den Schichten der Lagerhalle verschwinden und im Extremfall erst Tage später wieder aufgefunden werden.

 

Ebenso geblieben sind die Arbeitsaufteilung und Hierarchien zwischen Hafenarbeitern und Tallymännern, den Seegüterkontrolleuren, die unter hohem Zeitdruck für die richtige Abwicklung sorgen müssen.

 

Am Ende eines Arbeitstages werden freie Palletten und volle Container gestapelt, letztere sind damit bereit für das Verschiffen und werden fotografisch für das Marketing genutzt.

 

0 Kommentare

Sa

30

Jul

2011

Hansa Rostock zu Besuch auf St.Pauli

Am sechsten März 2009 war der Fussballclub Hansa Rostock, zu einem Spiel im Hamburger Stadtteil St.Pauli, zu Besuch. Nach der Fussballpartie kam es zu - den im Vorfeld erwarteten - Auseinandersetzungen, zwischen den beiden Fangruppierunge und der, sie trennende, Polizei.

0 Kommentare

Sa

30

Jul

2011

Lichtspiele in Dänemark - Eine Reportage


Das semiprofessionelle Team des angehenden Regisseurs Malte Grosche arbeitet hart an der Realisierung des Kurzfilms Black Forest. Sie kämpfen mit Kälte, Erschöpfung, Technik - und mit ihrer eigenen Detailverliebtheit.


Schnee liegt auf dem Parkplatz direkt neben den Strand des Ringkøbing Fjords an der Westküste Dänemarks. Die Sonne strahlt gleißend auf Eisplatten auf dem Wasser. Gänse fliegen in V-Formation schnatternd durch den blauen Himmel. Es herrscht absolute Windstille. Das Team vom Kurzfilm „Black Forest“ hat sich eingepackt in Schichten dicker Jacken, langer Unterhosen und Handschuhe.


Björn Lingner muss seinem Zwillingsbruder Raik die Tonangel in die Hand drücken. Spaziergänger lachen, Kinder kreischen. Das stört die Tonaufnahme. Er sprintet los und hinterlässt eine kleine Schneewolke. Jeder Schritt auf der Schneeschicht knirscht. Auf Englisch, mit deutschen Akzent, versucht Björn die dänischen Touristen und Einwohner aus dem Bild zu verscheuchen. „Quiät pließ! Wwie are shooting a mowie hear“.

„Ton ab!“ donnert Björn wieder zurück auf Position. „Ton läuft!“ kommt von Raik am Tonaufnahmegerät zurück. „Kamera ab!“ ruft er in Richtung des Kamermanns Patrick Wittig. „Kamera läuft!“ antwortet dieser. „Klappe!“ – Der vollbärtige Kamera-Assistent Christoph Messerschmidt hetzt durch den Schnee. Er hält eine Filmklappe in der Hand „Vier eins die drei“ liest er von der Plastikplatte ab.


„Klapp!“ schnappt Patrick und Christoph lässt den oberen Balken der Filmklappe los.

Er eilt aus dem Einzugsbereich der Kamera. Farbige Rollen von Klebebänder tanzen an seiner Bauchtasche auf und ab. Er legt die Klappe weg. Patrick tippt an der Rückseite der Kamera herum und bewegt sie testend hin und her „Uuunund BITTE!“


Das ist der Startschuss für das Auto von Johnny. Der schwarze Kleinwagen stoppt auf dem Parkplatz und Cinderella hechtet vom Beifahrersitz. Sie rennt Richtung Wasser und Kamera. Auf dem Weg reißt sie sich ein schwarzes Oberteil und pinkes Top vom Leib und schreit - nur mit BH bekleidet - ihren Text in Richtung Johnny „Weichei!“. Johnny spurtet Cinderella hinterher und schält sich aus Schichten von Jacken. Sie plumpsen hinter ihm in den Schnee. Patrick springt euphorisch hinter der Kamera auf und ab. Er brüllt: „Yess wir bauen um das war der beste Take“.

Die zierliche Cinderella, mit gerade geschnittenem Pony, wird verkörpert von Saara Mussbach. Die junge Frau, Anfang zwanzig stürmt zurück in Richtung Auto. Zitternd bleibt sie im Schnee stehen und reibt sich die Hände. Ihre Kleidung liegt auf dem Boden verteilt. Die Maskenbildnerin Anna Pokrywiec, eilt zu ihr hin und Saara verschwindet bibbernd in einem großen, blauen Bademantel.

Etwa eine Stunde später bereitet Patrick die Kamera wieder zur Aufnahme vor. Malte, der Darsteller von Johnny, steht mit nacktem Oberkörper unterhalb einer Düne. Er tänzelt auf der Stelle. Die Wasserkante ist eisfrei, aber nur weil ein Teammitglied das Eis abgeschlagen hat. Schaudernd saugt er die Luft an und boxt in der Luft. Die Kamera läuft wieder.


Cinderella und Johnny preschen an den Strand. Sie ziehen sich aus. Johnny hüpft auf einem Bein und versucht seine Socken loszuwerden. Dann steht er in Boxershorts im Schnee. Sie wartet in einem schwarzen Nichts aus Schnüren daneben. Johnny breitet die Arme aus und geht in Lauerstellung. Er hastet nach vorn und packt sich die fast nackte Cinderella. Er hievt sie auf seine Schulter und sackt tief die Knie. Sie johlt. Johnny platscht ins glasklare Wasser und watschelt einige Meter weiter. Von Cinderella ist nur ein straffer Hintern und zappelnde Beine zu sehen. Ein schwarzes Dreieck lässt ein Höschen erahnen. „Danke aus“ Abrupt dreht Johnny/Malte um, stapft zum Ufer zurück wo er sanft Cinderella/Saara absetzt. Saara jagt sofort auf einen Bottich mit heißem Wasser zu. Malte nimmt Kurs auf ein Handtuch auf dem Boden. Der Rest der Filmcrew gröhlt und klatscht.


„Ein junger Mann wird nach einer ‚Boy-meets- girl‘ Geschichte umgebracht“ erklärt Malte Grosche den Inhalt und Sinn seines Kurzfilmes „den werde ich bei Film-Festivals einreichen und versuchen mir im Untergrund einen Namen machen“.

Gedreht wird auch abends. Dann immerhin drinnen in einem alten Sommerhaus in der Nähe des Strandes. Björn und Patrick beraten über das perfekte Licht für die nächste Szene. Zwischen die braunen, abgewetzten und mit Brandlöchern übersäten Ledermöbeln der Wohnküche wuchten sie silberne Stative mit Strahlern und Lichtern. An den Wänden werden Styroporplatten mit Gaffer Tape befestigt. Sie funktionieren als Lichtreflektoren. An den Fensterscheiben kleben Folien. Der Boden ist übersät mit schwarzen Kabeln.

Dann geht das Licht aus. Stromausfall. „Ok wir machen diese Seite aus und stecken sie in die andere Steckdose“ Björn deutet auf verschiedene Kabel „Und der Sandwichmaker muss aus, der hat zu viel Spannung“ er nickt in Richtung Küche und erntet betretene Gesichter. Die Prozedur dauert über eine Stunde und es wird spät. So spät, dass die völlig übermüdete Saara im Sitzen einschläft. Sie sitzt vor dem knisternden Feuer des Kamins und ihr fallen die tiefschwarz geschminkten Augen zu.


Endlich geht die Szene los. Saara wird wieder zu Cinderella und verschwindet mit Johnny/Malte durch einen Flur nach draußen. Björn beginnt die Kommandoarie von neuem: „Ton ab“ „Läuft“ entgegnet Raik. „Und bitte“ alle starren in Richtung Flur, doch nichts passiert. Patricks Blick klebt auf dem Bildschirm der laufenden Kamera. Raik schaut auf, runzelt die Stirn und sieht zurück auf das grün leuchtende Display seines Tongeräts „Ahhm, vielleicht haben die uns nicht gehört?“ fragt er in die Stille. Den Blick auf dem Bildschirm seiner Kamera formt Patrick seine Hände zu einem Trichter und brüllt schallend „Uuuund BITTEEE!“


Die Tür im Gang schwingt auf und Johnny schreitet voran. Cinderella läuft hinterher. Ein silbernes Diadem thront auf ihrem Kopf. Die Lippen betont mit pink aufgetragenem Lippenstift. Ihre ebenfalls pink lackierten Fingernägel fahren an die Knöpfe ihres Mantel in derselben, grellen Farbe. Sie entblättert sich. Legt den Mantel zur Seite. Sie stoppt. Bleibt wie angewurzelt stehen. Ein Augenklimpern lässt ihre weißen Augen blitzen „Er… er war hier“ und spielt auf ihren brutalen Verflossenen an, der anscheinend zurück gekehrt ist. Johnny, beim Kamin angekommen, dreht sich langsam um. Holt tief Luft. Die Lippen aufeinander gepresst und mit ausdrucklosem Gesicht geht er zurück zu Cinderella. Sieht an ihr vorbei Richtung Tür. Dann in ihr Gesicht. Er setzt an.

„Danke Aus“ tönt Patricks Stimme aus dem Off „Da stimmt was nicht mit dem Licht.“ Er wirft einen Blick Richtung Tür und wetzt los. Er hält einen mit schwarzem Stoff bespannten Metallrahmen in der Hand und zupft den Lichtschein zurecht.

 

 

Lichtspiele in DK
Die Reportage als PDF-Download
Lichtspiele in DK.pdf
Adobe Acrobat Dokument 2.5 MB
0 Kommentare

Mi

20

Jul

2011

Seepferdchen – ein Luxusgut?

Immer mehr Kinder in Deutschland können nicht schwimmen. Die Gründe für dieses gefährliche Defizit sind vielfältig. Einer der schwerwiegendsten liegt im sozialen Milieu, denn immer weniger Familien können ihren Kindern einen Schwimmkurs finanzieren.

 

„Ich muss nicht mehr schwimmen lernen, Mama, du hast es mir doch gezeigt und ich weiß jetzt wie das geht.“, sagt der 5-jährige Dennis* zu seiner Mutter, als sie ihm erklärt, dass er in diesem Jahr noch keinen Schwimmkurs machen kann. Das Geld ist zu knapp. Kein Problem für Dennis, er weiß ja schließlich, was er im Wasser mit Armen und Beinen machen soll. Traurig lächelnd erinnert sich Mama Petra* an das Gespräch mit ihrem Sohn. Als ehemalige Leistungsschwimmerin weiß sie, dass Trockenübungen Dennis im Notfall nicht retten können.

Ertrinken ist bei Kindern im Vorschulalter die zweithäufigste Unfallursache. Trotzdem kann heute jedes fünfte 11-jährige Kind nicht schwimmen, wie eine repräsentative Untersuchung des Hamburger Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) ergeben hat. Gemessen an Koordination und motorischen Fähigkeiten, sollte ein Kind zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahr schwimmen lernen. Das tun aber nur etwa zwei Drittel aller Kinder im schulpflichtigen Alter. Später sind große Unterschiede bei der Schulbildung erkennbar: Je höher der Abschluss, desto größer ist auch die Zahl der Schwimmer. Nur 51,1 Prozent der Hauptschüler ohne Lehre können schwimmen, während sich 86,7 Prozent der Abiturienten und Studenten als Schwimmer bezeichnen.

Die DLRG kritisiert, dass immer mehr öffentliche Bäder aus finanziellen Gründen geschlossen werden. Das hat zur Folge, dass viele Schulen den kostenlosen Schwimmunterricht im Rahmen des Lehrplans nicht mehr anbieten können. Für das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München eine brisante Entwicklung, denn den Schulen wird das Ziel vorgegeben ihre Schüler mindestens mit dem Seepferdchen aus der Grundschule zu entlassen. Private Kurse wiederum können und wollen sich viele ärmere Familien nicht leisten. Martin Janssen, Sprecher der DLRG, sieht vor allem die Preise für Schwimmkurse und die Organisation der Teilnahme als ausschlaggebende Gründe. „Es muss nicht nur der Kurs selbst finanziert werden. Meist kommt noch der Eintritt für Kind und Eltern hinzu-ein kleines Kind kann man nicht alleine ins Schwimmbad schicken. Auch die Anfahrt ist häufig schwierig, denn einkommensschwache Familien haben selten ein Auto zur Verfügung.“

Für Mutter Petra und den kleinen Dennis hätte der Seepferdchenkurs, das erste Schwimmabzeichen für Kinder, ein finanzielles und zeitliches Fiasko bedeutet. „Der Kurs plus Eintritt für mich und den Kleinen hätte über 100 Euro gekostet. Da ich selbst nicht verdiene, ist das zu viel. Das Geld für den Bus ist da noch nicht mit einberechnet.“, sagt die entrüstete Mutter. Auch vielen Familien aus ihrem Bekanntenkreis geht es so. Häufig kann das Projekt „Schwimmenlernen“ nur mit Hilfe der ganzen Familie gestemmt werden.

Was aber geschieht, wenn Eltern angesichts dieses Problemberges kapitulieren?

Rüdiger Hinerasky, Schwimmmeister und Badleiter der Bädergesellschaft Böhmetal, sieht hier einen Trend, der nicht mehr aufzuhalten ist. „In den Schulen wird kaum noch Schwimmunterricht angeboten, den Leuten fehlt das Geld, Crashkurse sind meist reine Massenabfertigung und sozial schwache Familien greifen selten auf unsere Ersatzkonzepte zurück.“ Aber nicht nur für Hartz-IV-Empfänger seien die hohen Kosten abschreckend, auch der Mittelstand habe nicht mehr genug finanzielle Ressourcen. Erschwerend kommt in seinen Augen der Zeitgeist hinzu. Wie viele seiner Kollegen glaubt er, dass den Eltern oft das Interesse daran fehle, ihre Kinder zum Schwimmen zu animieren. „Viele binden sich für ihre Kinder die Zeit einfach nicht mehr ans Bein und die Kinder haben ein anderes Freizeitinteresse als früher.“

Diese Vermutung hat auch Jürgen Croce, Leiter des Jobcenters in Eichstätt, Bayern. Im Rahmen des Ende März 2011 beschlossenen Bildungspakets stehen Kindern von Hartz-IV-Empfängern monatlich 10 Euro Zuschuss für die Teilnahme an Sportvereinen zu. „Das Geld wird an der Familie vorbei, durch die Agentur für Arbeit, direkt an den Anbieter gezahlt, damit es wirklich dem Kind zugutekommt. Ein Schwimmkurs könnte so finanziert werden“, sagt Croce. Nennenswertes Interesse sei aber nicht vorhanden, obwohl man intensiv an der Werbetrommel gerührt habe. „Wir haben den Eindruck, dass in der betreffenden Personengruppe der Wunsch, den eigenen Kindern alle Möglichkeiten offen zu halten, fehlt. Kinder laufen nebenher.“, erklärt Croce.

„Ich weigere mich zu glauben, dass Menschen so kurzfristig denken. Einkommensschwäche hat nichts mit Kulturschwäche zu tun.“, entgegnet Janssen. Für ihn sind die 10 Euro ein erster Schritt. Man dürfe aber nicht vergessen, dass auch oberhalb der Armutsgrenze Menschen mit finanziellen Problemen zu finden seien, für die diese Unterstützung nicht gelte. Zudem müssten auch andere Faktoren mit einberechnet werden. So nennt er beispielsweise den hohen Migrationsanteil mancher deutscher Städte als Grund für den engen Zusammenhang von Bildung und Nichtschwimmerquoten.

Diesen Aspekt bestätigt auch Doktor Lilli Ahrendt, Leistungsschwimmerin und Leiterin der Bädergesellschaft Düsseldorf. „Ich glaube nicht, dass zu hohe Kosten der einzige Grund für steigende Nichtschwimmerzahlen sind. Häufig haben bildungsferne Migrationsfamilien kein Geld und auch kein kulturelles Interesse daran, dass ihre Kinder Schwimmen.“. In einer „Multikulti-Stadt“ wie Düsseldorf würden diese Familien die Nichtschwimmerquote nach oben treiben. Doch auch sie weiß, dass Familien, die ohnehin mit den Lebensunterhaltungskosten überfordert sind, den Aufwand, einen Schwimmkurs selbst zu organisieren und finanzieren, vermeiden. „Es gibt verschieden Faktoren, die das Schwimmenlernen verhindern können. In der Unterschicht kommen meist viele davon zusammen. Zudem gibt es hier eine Tendenz zu vielen Kindern und nicht jeder schafft es, Disziplin und Geld aufzubringen, seine Kinder regelmäßig zum Schwimmen zu transportieren.“

Ob also Bädergesellschaften, soziale Einrichtungen, staatliche Institutionen oder Schwimmverbände – alle sind sich einig: die Lage ist brisant und die Kinder sind wie so oft die Leidtragenden. Finanzielle Hürden und organisatorische Probleme sind vor allem für sozial schwache Familien oft nicht zu bewältigen.

Fest steht, dass der kleine Dennis noch einige Zeit warten muss, bis er seinen Freunden stolz berichten kann, wie gut er schwimmt. Bis dahin wird Mutter Petra ihm weiterhin die orangen Schwimmflügel mit Dinosaurieraufdruck über die dünnen Kinderärmchen stülpen. „Ich passe einfach so lange gut auf ihn auf, bis er es irgendwann selbst kann und vielleicht lässt er sich ja auch im Wasser einiges von mir zeigen.“, sagt sie und lächelt tapfer.

 

 Dhala Rosado

 

 

*Namen auf Wunsch der Protagonisten geändert

Seepferdchen.pdf
Adobe Acrobat Dokument 304.9 KB
0 Kommentare

Fr

15

Jul

2011

Musik als Glücksspritze - ein Interview

Fabian - nicht nur in der Musik ein kleines bisschen verrückt
Fabian - nicht nur in der Musik ein kleines bisschen verrückt
Musikstudent Fabian erzählt, was ihn an der Musik so glücklich macht
Jeder kennt sie und hört sie. Jeder hat seine eigenen Vorlieben und Wünsche. Jedem bedeutet sie etwas anderes, aber keinem ist sie egal: die Musik. Musik ist ein Indikator für Emotionen und Leidenschaft. Sie begleitet uns im Alltag und nicht selten verbinden wir auch Erinnerungen mit Klängen und Texten. Wie aber blickt ein Hauptberuflicher Musiker auf die Verbindung zwischen Musik und Glück und wie kann diese Connection verwissenschaftlicht werden? Lasst euch von unserem Exklusivinterview überraschen: ungekürzt und ungeschnitten. Als hättet ihr selbst mit ihm gesprochen!
DR-100_0095.mp3
MP3 Audio Datei 5.3 MB
0 Kommentare

Sa

09

Jul

2011

Christopher Street Day 2011 - Munich 9th of July (via Demotix)

The annual Christopher Street Day attracted thousands of people from the lesbian, gay, bisexual and transgender community to take part in this year`s colourful parade in the streets of Munich`s inner city. Germany.

 

Around thirty years ago they where a small group but now thousands celebrate the annual Christopher Street Day Parade in Germany, this year in Munich.
They move slowly via decorated trucks from Marienplatz to Rindermarkt and demonstrate confident and playful this years motto "for solidarity together - lesbians forward!" (German: "Für ein solidarisches Miteinander - Lesben vor")

 

Original bei Demotix

1 Kommentare

Mo

10

Jan

2011

In der Marzipanfabrik - eine Reportage

In der Rohmassenherstellung (Pressebild der J.G. Niederegger GmbH)
In der Rohmassenherstellung (Pressebild der J.G. Niederegger GmbH)

Niedegger – das norddeutsche Weltunternehmen produziert süße Kinderträume vom Fließband.

Das rote Licht über der Stahltür blinkt hektisch. Unter monotonem Surren schwingt sie auf.

Langsam vergrößert sich der Spalt und Maschinenklänge pulsieren nach außen. Es schnaubt und prustet. Metall prallt klirrend auf Metall. Irgendetwas hämmert dumpf. Alles wird begleitet von einem konstanten Dröhnen.

Zwei Frauen in weißen Kitteln eilen auf den Eingang zu. Die eine versucht hektisch eine störrische Locke unter das Haarnetz zu quetschen. Die andere schlüpft in ein Paar Einweghandschuhe. Sie unterhalten sich fröhlich. Der Lärm verschluckt ihr Gespräch, der Türspalt sie.

Das rote Licht blinkt erneut. Die Tür schließt sich und man kann den Schnee aufs Fensterbrett fallen hören.

Ein süßlicher Duft nach Zucker, Schokolade und Mandeln hängt in der eisen Vorhalle - ein Geruch, der jedes Herz höher schlagen lässt und auch dem Gedächtnis eines Erwachsenen noch längst vergessene Kinderträume entlockt.

 

Eine junge Frau biegt um die Ecke: Eva Mura, die Pressesprecherin des Marzipankonzerns Niederegger. Schnell schließt sie den letzten Knopf ihres Kittels und zieht an einem langen Hebel.

Wieder schwingt die Stahltür auf, wieder dröhnen Maschinen.

 

Ein weißer Plastikhandschuh gräbt sich tief in den groben Jutesack und befördert eine Handvoll Mandeln ans Neonlicht. „Das ist unser braunes Gold mit Mittelmeeraroma.“, schreit sie mit einem stolzen Lächeln. Andächtig lässt Eva Mura sie durch ihre Finger rieseln.

 

Hinter ihr brodelt ein riesiger Kessel. Darin werden die Mandeln abgebrüht, streifen ihr braunes Häutchen ab und purzeln auf ein Fließband.

Rechts und links vom Fließband sitzen jeweils drei Frauen. Ihre Köpfe mit den weißen Hauben sind tief über die Mandeln geneigt. Mit fliegenden Fingern durchwühlen sie diese und picken immer wieder einzelne heraus. Die „guten“ kommen in die nächste Maschine, die „schlechten“ in große Mülleimer.

Haben die Mandeln den ersten Test bestanden, wandern sie durch lange Metallrohre in eine übergroße Waschtrommel.

Mit großem Getöse schleudert sie die Mandeln durcheinander. Sie pumpt in regelmäßigen Abständen einen blankgewienerten Schwall in das Herzstück der Maschinerie: Zwei gigantische Trichter. Sie vereinen ächzend und stöhnend Mandeln und Zucker im perfekten Maß. Das Verhältnis dieser beiden Grundsubstanzen entscheidet nämlich über die Qualität des Marzipans. Je weniger Zucker, umso edler ist das Endprodukt. Niederegger setzt auf ein Minimum an Zucker und ein Maximum an Mandeln.

 

Ein lautes Hupen lässt die Köpfe der sechs Damen am Fließband nach oben schnellen. „Das ist das Telefon!“, formt Eva Mura mit den Lippen.

Während irgendjemand in einer abgeschotteten Kabine den Anruf entgegen nimmt, rieseln die Mandeln im Zuckermantel zu tausenden auf mehrere Walzen.

Mit einem ohrenbetäubenden Knirschen werden sie zu feinen Stückchen zermahlen.

Mit ein wenig Wasser vermischt, entsteht eine erste teigartige Substanz.

 

Ein Kran nähert sich. Er qietscht und knarrt, zerrt kübelweise Mandelmasse unter die Decke und schiebt sie auf 16 Kupferkessel zu. Über jedem Kessel stoppt er, kippt den Kübel und ein Teigklumpen flutscht hinein.

Auf offener Gasflamme werfen die Zuckerkristalle glucksende Blasen. Sie zerplatzen mit einem „Plopp“ und umschließen die winzigen Mandelstücke mit einem süßen Film.

Es duftet verführerisch.

 

Muskelbepackte Männerarme schaufeln die heiße Masse in mehrere Kühlschiffe – große Messingtuber, die mit Trockeneis auf Minimaltemperatur heruntergekühlt werden.

Es zischt.

Einer der Männer wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und streift den Mundschutz ab, der seinen Bart verbergen soll. Er atmet tief ein. Sein Blick bleibt an den Dampfwolken hängen, die wie Nebelschwaden über die Ränder der Kühlschiffe wabern.

 

Ein Saugrohr schlürft dicke Teigwürste aus den Behältern heraus. Presst sie auf das nächste Fließband.

Rhytmisch hackt ein riesiges Messer schwere Blöcke aus dem Einheitsbrei.

Steril verpackt in Klarsichtfolie und verladen in grüne Plastikkisten, stapelt sich der süße Rohstoff bis weit unter die Decke.

 

Hinter einer langen Front aus dickem Plexiglas stülpt sich dann Klumpen um Klumpen über menschengroße Knetarme.

Diesen Raum dürfen nur Auserwählte betreten, denn hier wird aus der Rohmasse das echte Niederegger-Marzipan gemacht.

Aus unscheinbaren Hähnen fließt klare Flüssigkeit in große Mischbehälter. Langsam wird sie in den Teig geknetet.

Mit beschwörendem Ton spricht Eva Mura von der „geheimnisvollen Substanz, die dem Marzipan seit Jahhunderten seinen einzigartigen Geschmack verleiht“.

 

Eine ältere Dame kommt aus dem geheimen Kämmerchen und wird von den anderen neugierig gemustert. Sie schiebt gebückt einen eisernen Wagen vor sich her. Über die goldenen Ränder quillt helle Marzipanmasse.

Irgendjemand hat den süßen Berg mit den Fingern gekennzeichnet: Die Nummer 9.14 wurde in den Teig gedrückt.

Die Fuhre 9.14 wird in eine Maschine eingehängt, surrend hochgefahren und in einen weiteren Trichter geschüttet.

Es folgen in regemäßigen Abständen 10.14, 11.14… und ein Wagen nach dem rutscht in die Maschine. Hier, an parallel aufgebauten Stationen, entscheidet sich welche Form das Endprodukt erhält.

9. 14 ist ist für die Herzchenproduktion vorgesehen. Riesige Walzen stanzen rhytmisch Herzformen aus dem Teig. Die lösen sich mit einem leisen Schmatzen aus der Form und plumpsen auf ein Fließband.

Das Fließband transportiert sie auf direktem Weg durch einen Schokoladenvorhang. Das flüssige Braun ergießt sich über jedes der Herzen, verschleiert das Marzipanbeige und umhüllt es mit einem bittersüßen Schokoladenmantel.

 

Durch ein rüttelndes Sieb tropfen überflüssige Reste. Zwei Damen überwachen den Arbeitsschritt. Hat das Herz nicht die erwünschte Farbe oder Form wird es auch gleich aussortiert. Das Fließband gleitet weiter.

Abgekühlt und trockengepustet rasen die Herzen dann durch eine rhythmisch stampfende Maschinerie aus rotgoldenen Folienrollen.

Sie verpacken jedes von ihnen einzeln.

Jetzt noch ein Stempel mit der Nummer drauf und auch das 40.375. Herzchen rutscht in die Hände einer der vielen Damen am Ende des Fließbandes.

Mit flinken Fingern verpacken sie den Schwall Liebe in Dosen und Kartons. Drei Herzchen in die kleine Dose, zehn in den länglichen Karton und weiterreichen.

Das nächste Paar Plastikhandschuhe bindet ein rotes Schleifchen darum.

Mit einem Lächeln greift Eva Mura in nach dem Fließband. Sie stibizt sich das Herzchen ´Nummer Unendlich´und sagt: „Wir dürfen hier zum Glück so viel Naschen wie wir wollen.“ Sie sei froh, in einer Marzipanfabrik zu arbeiten und nicht an einem Ort „an dem Reifenteile produziert werden“.

Genüsslich schiebt sie sich das noch warme Herzchen in den Mund.

 

Dhala Rosado

In der Marzipanfabrik.pdf
Adobe Acrobat Dokument 300.8 KB
0 Kommentare